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    Frankfurt-Osthafen | KM 37,59
    Wasserstand: 177.00 cm
    am: 20.11.2017 | um: 14:30
    Kein Ruderbetrieb bei einem Wasserstand über 260.00 cm

    Tagesfahrt rund um den Kühkopf 2010

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    Um 9.45, wie von Ulla vorgegeben, sind wir startklar. Wir verteilen uns auf drei Autos. Ich schaue ein wenig neidisch zu meinen Kumpanen hinüber, die in Uli’s Raumschiff ihre Plätze einnehmen. Erinnerungen steigen in mir hoch an die Klassenausflüge zur Schulzeit und ich stelle mir vor, dass in jenem Gefährt – wie im Bus auf der Klassenfahrt – Kameradschaft und Ausgelassenheit herrschen, während ich mich auf mein Lenkrad konzentriere und Acht geben muss, eben jenen Mannschaftsbus nicht aus den Augen zu verlieren, der sich behende im Slalom durch den Sonntagsverkehr der A5 schlängelt. Um 10.30 erreichen wir den Ruderclub „Neptun“, der sich in Riedstadt Erfelden am „Kühkopf“ befindet. So heißt dieser Landstrich, eine Halbinsel, tatsächlich: Kühkopf. Es sei hier vermerkt, dass sich die Bezeichnung wohl ursprünglich von „Künec“ (für König) ableitet. Im Laufe der Zeit hat sich dann der „Königskopf“ im Volksmund in „Kühkopf“ verwandelt, ob in ironischer Wendung, das bleibe dahingestellt. Wie dem auch sei, an dieser Stelle nimmt der Rhein eine doppelte Natur an: die übliche – unaufhörlich vorwärtsdrängend und frenetisch – und eine andere – gemächlich und unaufdringlich. Der Seitenarm trennt sich mutig vom Hauptstrom und formt ein tiergleiches Haupt auf verlängertem Hals, umgeben von grünsten Auen, ein Naturpark, um sich dann wieder mit dem Hauptstrom zu vereinen, nach etwa 17 Kilometern weicher Kurven, die sich hingebungsvoll an die Vegatation schmiegen. Von oben betrachtet erscheint dieser Kopf, aus dem Fluss geboren, nicht als der einer Kuh (oder eines Königs), sondern eher als der eines neugierigen Zickleins, das hinter einer Stalltür hervorlugt, um zu sehen, was auf der anderen Seite passiert. Auf der anderen Seite sind wir gerade eingetroffen, wechseln geschwind unsere Klamotten, sprühen uns mit Insektiziden und Sonnenschutz ein und verstauen unser Gepäck. Wir teilen uns in drei Fünfergruppen auf und machen es uns in den drei Booten bequem, die uns der „Neptun“ freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat: die „Berlin“, die „Titanic“ und die „Twiggy“. Die hätten auch gut „Niña“, „Pinta“ und „Santa Maria“ heissen können, mit Uli-stophorus Kolumbus, der Aufträge erteilt und Befehle gibt, bereit zur Weltumseglung auf den Spuren Indiens. Ich lande auf der „Berlin” mit Bernhard, Christiane, Cornelia und Kommandant Uli.
    Leicht abergläubig (aber auch mit einem Hauch Schadenfreude) stelle ich beruhigt fest, dass ich der „Titanic“ entronnen bin, auf der Angelika, Georg, Gianluigi, Juliane und Michael ihre Plätze einnehmen. Die „Twiggy“ ist mit Henk, Johannes, Lilo, Ulla und Ulrike besetzt.

    Wir stechen leichten Herzens in See, unter einem verhangenen Himmel, der ab und zu eine warme und beruhigende Sonne durchscheinen lässt. Die ersten achteinhalb Kilometer streichen schnell vorüber, bei entspanntem Schlag. Wir machen zweimal Halt und knabbern Salzgebäck und Trockenobst. Eine Haribo-Box wird eifrig von einem Boot zum nächsten gereicht. Bevor wir die schwierigste Etappe in Angriff nehmen, wird der Steuermann gewechselt. Bernhard übernimmt von Christiane auf der „Berlin“ und schon geht es auf den Rhein. Die Einfahrt gelingt glimpflich und hochkonzentriert arbeiten wir uns den ungestümen mächtigen Strom hinauf. Dem Rhein muss man mit starker Hand und festem Schlag entgegentreten, um seines Stolzes gewahr zu werden und ihn zu zähmen. Von den zahllosen gigantischen Frachtkähnen ganz zu schweigen, die – als wäre es nichts – ihre Wellenberge aussenden, für unsere Flottille nur mit geballter Erfahrung oder mit Tollkühnheit zu bewältigen. Was mich betrifft, so rudere ich wie in Trance, auf der Jagd nach einer Chimäre, die im Halbschatten nicht auszumachen ist. Als wir Halt machen und Uli das Zepter von Bernhard übernimmt, scheinen mir die sechs Kilometer auf dem Rhein wie im Flug vergangen. Ich vermisse sie sofort, wie eine Sommerliebe, wenn man aus dem Urlaub nach Hause kommt. Und wie eine Sommerliebe, vergisst Du sie sofort, wenn Dich aus den Ferien zurück ein noch überwältigenderes Abenteuer erwartet. Die grösste Herrausforderung des Tages ist der Übergang vom mächtigen Rhein in sein altes Bett am Nacken des Kühkopfs. Hier tritt der Rhein stürmisch ein, mit der Wucht des Stiers – wie der gewandelte Zeus im Mythos der jungen Europa.

    Nach diesem triumphalen Höhepunkt empfängt uns der alte Fluss unvermittelt in vollkommener Ruhe, wie jemand der auf Lauer liegt. Ringsherum eine andere, idyllische Welt. Hinter jeder Kurve, stelle ich mir vor, müsste jetzt ein romantischer Dichter am Ufer stehen, der seine Oden der Geliebten vorträgt. Mein Rücken ist in Stücken. Ich frage, wann wir denn endlich ankommen. Bloß noch vier Kilometer vernehme ich: die längsten vier Kilometer meines Lebens, so scheint es mir. Am Ufer angekommen, weiss ich warum: es waren wohl acht Kilometer. Ich sage mir: jetzt solltest Du doch einmal richtig Deutsch lernen ! Während sich einige unerschrockene Borussen noch fröhlich in die grünen Fluten stürzen, mündet die Geschichte in ein üppiges Bankett, voll beladen mit guten Gaben, vom Antipasto bis zum Kuchen. Es ist drei Uhr und wir haben kräftig Appetit. Mein Körper entspannt sich allmählich und nimmt dankbar die Nahrung auf. Wortfetzen dringen an mein Ohr; Rufe, Gesten, ein heiteres Treiben um mich herum – wie von fern eine sommerliche Landpartie an einem Festtag.

    Matteo Ciccarelli (dt. Fassung: Bernhard Winkler)

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